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Mehr InformationenEs gibt Bücher, die kommen genau zur richtigen Zeit. „Narrative für eine bessere Zukunft“ von Anne M. Schüller ist so eines. Erschienen im Frühjahr 2026, trifft es einen Nerv, der gerade bei vielen blank liegt: Wir sind umgeben von Dystopien, schlechten Nachrichten und dem kollektiven Seufzen, dass eh alles den Bach runtergeht. Und genau dagegen setzt dieses Buch ein klares, werkzeugreiches Zeichen.
In dieser Episode habe ich mich mit Storytelling-Expertin Jennifer Fritz durch dieses Buch gearbeitet – und ich verrate schon mal: Es war eine dieser Unterhaltungen, bei der man am Ende das Gefühl hat, man hätte frische Luft getankt.
Shownotes
Narrative für eine bessere Zukunft – wie kraftvoll erzählte Geschichten unser Leben und die Arbeitswelt positiv wandeln
von Anne M. Schüller, Vahlen Verlag, 2026, 230 Seiten
Fakten sind langweilig, Geschichten spannend – und Narrative betören
Geschichte, Narrativ, Storytelling – was ist eigentlich was?
Gleich zu Beginn haben Jennifer und ich eine Frage geklärt, die mich beim Lesen ehrlich gesagt ein bisschen verwirrt hat. Das Buch wirft die Begriffe Geschichte, Narrativ und Storytelling munter durcheinander – oder zumindest kam es mir so vor.
Jennifers Erklärung hat mir sofort geholfen: Eine Geschichte ist etwas in sich Abgeschlossenes. Ein Narrativ ist das Größere, das durch viele Geschichten entsteht. Ihr Beispiel: das Wirtschaftswunder. Während des Wirtschaftswunders hat niemand gesagt „Hurra, wir befinden uns gerade im Wirtschaftswunder!“ Das Narrativ wurde im Nachhinein über diese Zeit gestülpt – durch all die Geschichten, die erzählt wurden.
Und das Schöne daran: Genauso können wir ein Narrativ auch im Vorhinein entwickeln. Wir können ein verbindendes Bild entwerfen, das uns gemeinsam in eine Zukunft führt, die wir uns wünschen. Das ist keine Schönfärberei. Das ist Strategie.
Warum unser Gehirn schlechte Nachrichten liebt – und was das mit True Crime zu tun hat
Anne M. Schüller erklärt im Buch, warum schlechte Nachrichten mehr Aufmerksamkeit bekommen, häufiger geklickt werden und sich schneller verbreiten. Unser Gehirn interpretiert sie als Signal: Achtung, Lernlücke! Hier könnte mir was passieren, wenn ich nicht aufpasse.
Das Problem: Wenn wir als Gesellschaft kollektiv nur noch Dystopien erzählen, erzeugen wir Angstparalyse. Jennifer unterrichtet Zukunftsdenken an der Uni Freiburg und beobachtet das hautnah: Ihre Studierenden sind so tief in Zukunftsangst eingetaucht, dass es kaum möglich ist, sie da herauszubewegen. Und wer in Angstparalyse steckt, kann weder lernen noch gestalten.
Worte formen Wirklichkeit – ob wir wollen oder nicht
Eines meiner liebsten Kapitel im Buch dreht sich um Sprache. Und da haben Jennifer und ich uns richtig schön festgebissen.
„Wir müssen unsere Mitarbeiter mitnehmen auf diese Reise.“ Klingt nett, oder? Aber wer mitgenommen wird, ist passiv. Der sitzt im Koffer. Ich sage inzwischen lieber: Wir bereiten den Weg – aber gehen musst du selber. Das macht aus einem passiven Mitgenommenwerden ein aktives Mitgehen.
Oder das Wort „Zielgruppe“. Klingt martialisch, wenn man mal drüber nachdenkt. Wir visieren die an und töten sie mit unserem Inhalt? Jennifer hat das sehr treffend formuliert: Wir vergessen dabei, dass da ein Mensch steht.
Besonders deutlich wird das für mich, wenn ich an die KI-Debatte in der Steuerberatung denke. Die gut gemeinten positiven Erzähler sagen: „Die Routine fällt weg – und dann machst du hochwertige Beratung!“ Klingt toll. Aber ich habe mir mal vorgestellt, wie das bei einer Steuerfachangestellten mit zehn Jahren Erfahrung ankommt, die sensationelle Jahresabschlüsse macht und das Steuerrecht in- und auswendig kennt. Das fühlt sich an wie: „Du hast jahrelang perfekt malen nach Zahlen gemacht – und jetzt wirst du Picasso.“ Ja, nee. Picasso bin ich nicht. Wir glauben als Chefinnen und Chefs, wir erzählen etwas Gutes. Aber beim Gegenüber kommt etwas ganz anderes an.
Zwei Tools, die mir besonders gut gefallen
Das Buch steckt voller Tools – 40 an der Zahl, mit praktischer Übersicht am Ende. Zwei davon haben es mir besonders angetan, und ich habe mir dazu sogar ein kleines KI-generiertes Poster gebastelt:
- Der Friedhof für Verhinderungsphrasen. Auf den Grabsteinen stehen Sätze wie: „Das haben wir schon probiert.“, „Zu riskant.“, „Dafür haben wir keine Zeit.“ Oder – Jennifers Beitrag – „Das können wir unseren Mitarbeitern nicht zumuten.“ Wer diese Phrasen bewusst zu Grabe trägt, schafft Raum für echte Ideen.
2. Der Ideen-Advokat. Die Spielregel ist simpel: Erst wird die Idee vorgetragen. Dann werden alle positiven Aspekte besprochen. Und erst dann darf die kritische Stimme zu Wort kommen. Zwei Mitarbeitende übernehmen dabei explizit die Rolle der Befürworter. Das klingt nach einer Kleinigkeit – aber es verändert die gesamte Dynamik in einem Meeting. Jennifer hat das treffend mit der Walt Disney Methode verglichen: Träumer, Realist, Kritiker – in dieser Reihenfolge.
Hamburg 2050 – oder: Wie positive Zukunftsbilder wirken
Eines der stärksten Beispiele aus unserem Gespräch war das Hamburg-Szenario aus dem Buch. Stell dir vor, der Meeresspiegel steigt, 2050 ist die halbe Stadt überflutet. Man kann diese Zukunft als Dystopie erzählen – Ratten groß wie Hasen, Taucher im Dreck. Oder man erzählt sie als Anastrophe (ja, das ist ein echtes Wort – die Kehrwende zum Guten, im Gegensatz zur Katastrophe): Gebäude auf Stelzen, Lagunen, Leben über NN. Makler-Slogan inklusive.
Das Bild ist dasselbe. Die Geschichte ist eine andere. Und wer das positive Bild vor Augen hat, kann seine Entscheidungen heute danach ausrichten.
Jennifer hat dazu noch ein wunderbares Beispiel mitgebracht: die Vereinigten Arabischen Emirate, die sich zum 50. Geburtstag kein Museum der Vergangenheit, sondern ein Museum der Zukunft gebaut haben. Kein Schwelgen in Geschichte – sondern ein erlebbarer Raum für das, was noch kommen kann.
Mein Fazit
„Narrative für eine bessere Zukunft“ ist kein Buch für Träumer. Es ist ein Buch für alle, die verstehen wollen, wie Sprache und Geschichten wirken – und die dieses Wissen nutzen wollen, um in ihrem Alltag, ihrem Unternehmen und ihrer Gesellschaft etwas zu verändern.
Für mich als Leseoptimistin war es eine Herzensangelegenheit. Ich habe beim Lesen neue Lieblingswörter gelernt – Anastrophe und Ananym –, zwei Tools entdeckt, die ich mir gleich als Poster gebastelt habe, und mit Jennifer eine Gesprächspartnerin gehabt, die das Thema aus dem Effeff kennt und auch als Expertin im Buch zitiert wird 🤩 Und das Wortspiel, das ich aus dem Buch mitnehme? „In gescheitert steckt gescheiter.“ Das hänge ich mir gleich neben den Friedhof der Verhinderungsphrasen. 😄