Cover Out of Office

#22 Out of Office

Geschrieben bereits 2015 und dabei top-aktuell. Wie funktioniert die Zusammenarbeit im Unternehmen, wenn ein Teil der Mitarbeiter im Homeoffice oder unterwegs arbeitet. 

Mit der Leseoptimistin Sara Schuster, Kanzlei König in Nürnberg unterhalte ich mich darüber, wie Work-Life-Blending funktionieren kann und warum Pausen so entscheidend für gute Arbeit sind.

Bei Angela kommen Heimatgefühle auf und das fränkische R wird ordentlich gerollt. Und Sara bringt sowohl die Chef als auch die Mitarbeiter-Perspektive mit, denn sie ist Angestellte und hat gleichzeitig in der Kanzlei die Rolle der strategischen Umsetzerin.

Dauer 42 Minuten

Out of Office – Warum wir die Arbeit neu erfinden müssen

Elke Frank, Thomas Hübschen, 2015 redline Verlag

Shownotes

  1. Die wichtigsten Erkenntnisse in 1 bis 3 Sätzen

Meine 2 Lieblingssätzw, die das Buch zusammenfassen:

  • Gute Führungskräfte behandeln ihre Mitarbeiter wie erwachsene Menschen, die in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen.
  • Wirklich Flexibel Arbeiten bedeutet den Rechtfertigungsdruck rausnehmen. Das Ergebnis zählt, nicht das Sitzfleisch. Die bloße Anwesenheit ist kein Indikator für die Qualität der Arbeit

2. Was kannst Du für die Praxis rausziehen

  • Wissensarbeit ist eher ein Prozess, ein Werden weniger ein Sein. Besteht aus drei Elementen: Vertrauen, Kontext, Intuition
  • Vertrauen früher „Was schwarz auf weiß steht“, heute in der digitalen Welt: 82% Institutionen wie Stiftung Warentest, 72 % Freunden und Bekannten, nur 36% Printmedien und 29% Artikel im Internet
  • Heutige Büros sind noch zu sehr auf die Reproduzierbarkeit von bereits geschaffenem Wissen ausgerichtet – und weniger auf die Schaffung neuen Wissens
  • Berufe sterben aus, neue entstehen. Die meisten der neuen Jobs sind im Bereich IT und Digitalisierung entstanden. Job Futuromat immer eine gute Quelle
  • Studie New Work Order vom Trendbüro mal wieder rausholen, ist wirklich gut und haben wir im delfi-net schon 2017 beim Thema „Neue Mitarbeiter braucht das Land“ zu Rate gezogen. Besonders gut die Einteilung der Bürolandschaft in bestimmte Zonen. Eigentlich braucht man das Büro nicht mehr als den Ort, wo das technische Equipment vorhanden ist. Vielmehr nutzen Angestellte, die Räume als Ort der Vernetzung und der Kommunikation.
  • Stressprävention und -abbau als verpflichtende Schutzmaßnahme. Bauarbeiter tragen Helm, was bekommen Wissensarbeiter? Mediziner sagt „Wenn ich nicht genau wüsste, dass es ungesund ist, würde ich den Menschen wieder Rauchpausen verordnen. Die Zigarette begünstigt zwar Krankheiten wie Krebs, aber die einstigen Rauchpausen, das waren früher die Momente, in denen man Luft holen und abschalten konnte“. Akzeptanz dafür fehlt noch. So wie jemand Muskelkater vor Tragen hat, ist ein anderer angestrengt von einer beschleunigten Kommunikation oder von der 285. Mail. Und so wie früher jemand einen Stein abgesetzt und wieder Kraft gesammelt hat , so braucht auch der Wissensarbeiter Momente des Kraftsammelns.
  • Ein Plädoyer für die bewegte Pause. 7,5 Stunden pro Tag im Sitzen. Empfehlung WHO pro Woche 150 Minuten moderate körperliche Betätigung. Meine Idee: 150 Minuten sind 2,5 Stunden pro Woche, pro Tag 5 x halbe Stunde, also 2x 15 Minuten täglich. Im Büro einmal am Vormittag, einmal am Nachmittag 15 Minuten Gehen, Aufstehen, Recken und Strecken. Oder am Tappa Lauf teilnehmen.
  • Meine Entdeckung: Face Yoga. Ich bin überhaupt kein Yoga Typ, doch hier geht es darum, Monitorarbeitern Entspannung für Augen und Gesichtsmuskulatur zu gönnen. Hab es bei Gitti Müller ausprobiert und kann es sehr empfehlen. 
  • 14 bis 16 Uhr „Nichts“ – eine Pause ist keine untätig verschwendete Zeit, sondern eine Produktivkraft, genauso wie das Warten, die Wiederholung, die Langsamkeit
  • Erlaubnis zum Denken geben, z.B. halber Tag pro Woche
  • Zur Vertrauensarbeitszeit kommt der Vertrauensarbeitsort hinzu
  • Die richtigen Mitarbeiter brauchen LOAZ, ist Einstellungskriterium: L wie Leute begeistern, O wie organisieren können, A für Alternativen aufzeigen, Z wie Zuhören.
  • Aufgaben einer guten Führungskraft
    • Wer führt, muss Netzwerken können
    • Vermittlertätigkeiten, also Menschen zusammenbringen
    • Projektkoordination, also Aufgaben managen und Kontakt mit allen halten
    • Moderation, also Konflikte beilegen und das Netzwerk unterstützen, stärker zu werden
    • Unterstützung, also das Netzwerk am Leben halten, indem sie Systeme aufbauen, Kommunikationsprozesse definieren und Ressourcen schaffen
  • Kompetenzen einer Führungskraft
    • Beziehungskompetenz
    • Organisationskompetenz
    • Systemkompetenz
  • Laut Untersuchung der Telekom scheitern 70% der virtuellen Teams: Virtuelle Teams scheitern, weil der persönliche Kontakt nicht gepflegt wurde, sondern nur der digitale. Häufig fehlen auch Regeln, auf die man sich einigt, Konflikte lassen sich manchmal erst spät erkennen – meist wenn es zu spät ist. Und virtuelle Teams führen sich trotz allem nicht selbst, sondern benötigen einen strukturierten, aber weniger kontrolllastigen Führungsstil.
  • Mitarbeitergespräche 4 x pro Jahr
  • Frage der Führungskraft an die Mitarbeiter: Was kann ich für Euch tun“
  • Bei Microsoft Präsenzpflicht abgeschafft. Schönes Gedankenexperiment für Kanzleien: jedem ist es selbst überlassen, wie und wo er arbeitet. Bedeutet im Umkehrschluss, dass jeder auch im Büro willkommen ist.
  • Eine sinnvolle Synchronisation zwischen Arbeits- und Familienwelt schaffen. X- und Y-Theorie des Menschenbildes. X geht davon aus, dass die meisten Menschen Verantwortung vermeiden wollen und geführt werden müssen. Dafür gibt es empirisch keine Belege. Y ist durch die Glücksforschung empirisch belegt: Arbeit ist eine Quelle der Zufriedenheit. Wenn Menschen sich mit den Zielen der Organisation identifizieren, sind externe Kontrollen unnötig, weil sie sich selbst disziplinieren und eigene Initiative entwickeln. Gutes Gehalt ist „nur“ ein Hygeniefaktor. Schönes Goethe Zitat dazu „Elender ist nichts als der behagliche Mensch ohne Arbeit, die Schönste der Gaben wird ihm Ekel.“
  • Beim Kapitel Technologie merkt man, wie schnelllebig die Zeit ist und sich Technik entwickelt. Da gab es noch kein MSTeams

3. Das beste Beispiel / die beste Geschichte

  • Der erste Arbeitstag ohne Block
  • Geschichten aus der alten Welt: Chef mit Einzelbüro, man wird nach Voranmeldung hineingebeten, sitzt am kleinen Meeting-Tisch. Mit Anklopfen und Hereingebeten werden – schafft Distanz. Statt dessen Open Space (Großraumbüros), zwei Kanzleibeispiele kenne ich Pelzer Bröhl und Seeker Bauer Lutz
  • Zitat Peter F. Drucker „Wissen kann man nicht managen – es sitzt zwischen zwei Ohren“ anders ausgedrückt von Alison Maitland „Es ist eine Illusion zu glauben, dass Manager überprüfen können, dass die Leute produktiv arbeiten, nur weil sie an ihrem Computer sitzen.“
  • Doppelt so viel Lohn für weniger Arbeit – Ankündigung von Henry Ford am 5. Januar 1914!
    Arbeitszeit von 9 auf 8 Stunden verkürzt, Lohn von 2,30 auf 5 $ angehoben, Preis für Automodell T von 810 auf 310 gesenkt. Wahnsinn und hierzulande werden Hymnen der Fortschrittlichkeit gesungen, wenn ein Unternehmen die 25 Stunden Woche einführt.

4. Was siehst Du kritisch?

Frage an Sara: wie haltet Ihr es mit dem Du? Wird hier auch thematisiert, finde die verordnete Duzisierung zu amerikanisch. Das kann muss aber nicht funktionieren.

5. Was hat Dich zum Lachen gebracht

  • Das Ende der Postkarten-Romantik. Die Beschreibung was an den Wänden hängt: Postkarten, Mittagsmenü, Telefonliste, Einladung zu was auch immer
  • Die All-Inclusive-Mentalität der Bewahrer: Die meisten Menschen wünschen sich von der Arbeit nur ein paar nette Kollegen, eine halbwegs korrekte Bezahlung, eine funktionierende Kaffeeküche, ein bisschen Flurfunk und dreimal im Jahr einen schönen Urlaub. Wenn man dann noch pünktlich nach Hause gehen kann, ist alles gut. Und einen Chef, der den Mitarbeitern großzügig all das Erwähnte ermöglicht, sozusagen wie beim All-Inclusive-Urlaub. Die Mitarbeiter müssen morgens nur pünktlich kommen, dann wird alles gut.
  • Weil Arbeit und Privat immer noch getrennt gedacht werden, muss der Zither-Kurs bei der VHS für die Sinnstiftung herhalten
  • Erinnerung an Clippy und Merlin

6. Was war neu für Dich

  • Laut INQA bereits im Jahr 2000 62% der Arbeit sind Wissens- und Servicearbeit. Für 2020 Anstieg auf 85% erwartet
  • Guter Artikel zu Wissensarbeit https://www.projektassistenz-blog.de/ich-weiss-dass-ich-nichts-weiss-wissensmanagement-und-projektmanagement-2020/?cn-reloaded=1
  • Begriff Gold Collar – Weiterentwicklung White Collar Jobs, also Bankangestellte, Buchhalter, Sachbearbeiter. Gold Collar sind Ingeniuere, IT-Experten, Juristen, die mit ihrem Wissen Mehrwert schaffen
  • Woher stammt der Begriff: Etwas auf die lange Bank schieben. Im Kontor wurde der Schriftverkehr chronologisch geordnet und mehrere solcher Stapel wurden oft nebeneinander auf eine Bank gelegt. Die lange Bank heute: 100 ungelesene Mails, 3 offene Chats, mehrere geöffnete Dateien
  • Wanduhr Your Clock http://www.breadedescalope.com/index.php/your-clock1 mit der man die Zeit anhalten kann (ok, kostet € 2.500, vermutlich gibt es da inzwischen eine App für;-)

7. Warum muss man dieses Buch gelesen haben – oder auch nicht

Das Thema Homeoffice, Vertrauensarbeitszeit und Flexibilität sind aktueller denn je. Das Buch gibt einen guten Einblick, was es braucht, damit es funktioniert mit praktischen Tipps für den eigenen Führungsalltag.

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2 Kommentare

  1. „Erlaubnis zum Denken geben, z.B. halber Tag pro Woche“
    super Idee, es darf auch gern mehr sein (-;
    Erlaubnis zum Kreativ sein, wäre auch toll. Dazu folgende Anekdote: bei den Honorarverhandlungen zu einem äußerst originellen Magazinbeitrag für den WDR (wurde später sogar prämiert) rechnete der Redakteur den reinen Zeitaufwand für die Produktion vor. Ich so: „aber diese Ideen, die ich da umgesetzt habe sind ja nicht vom Himmel gefallen sondern das Ergebnis langen und intensiven Nachdenkens, lonely brainstorming, sacken lassen, wieder Nachdenken, rumspinnen und schliesslich wagen. Er dann: fürs Nachdenken werden Sie nicht bezahlt, nur fürs arbeiten. Manche werden es nie verstehen, dass Kreativität Arbeit ist…allerdings eine, die ich liebe.

    1. Danke Gitti, Du sprichst mir aus dem Herzen. Honorar nach Stunden ist für jeden Kreativen das Todesurteil, doch Controller-Typen werden das vermutlich nie verstehen;-) Schöne Vorstellung: wenn Picasso & Co nach Stunden bezahlt würden…

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