Buchtitel Schau in den Spiegel

#132 Schau in den Spiegel

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Manchmal reden wir miteinander – und kommen trotzdem nicht wirklich weiter. Wir tauschen Argumente aus, erklären unseren Standpunkt, setzen noch einen Satz oben drauf und wundern uns anschließend, dass beim Gegenüber etwas ganz anderes angekommen ist als das, was wir sagen wollten.

Genau hier setzt Daniela Dujmic-Erbe mit ihrem Buch „Schau in den Spiegel, damit Verständigung gelingt: Praktische Impulse für eine neue Dialogkultur“ an. Das Buch ist 2026 im Massel Verlag erschienen und umfasst rund 308 Seiten. Gemeinsam mit Hilge Kohler habe ich es  gelesen und besprochen. Und so viel sei vorweggenommen: Das ist kein Kommunikationsratgeber nach dem Motto „Drei Schritte, und schon klappt es mit dem Nachbarn, dem Team und der Familie“.

Zum Glück. Denn Verständigung ist keine Checkliste. Sie ist eine Reise. Und auf Reisen kann man sich bekanntlich auch einmal verfahren.

Shownotes

Schau in den Spiegel …damit Verständigung gelingt. Praktische Impulse für eine neue Dialogkultur

Daniela Dujmic-Erbe, 308 Seiten,  massel Verlag 2026

Mehr von Daniela unter https://www.verstaendigungsmanagement.de/

 

Kommunikation ist noch keine Verständigung

Eine der wichtigsten Unterscheidungen im Buch lautet: Alles ist Kommunikation – aber nicht alles führt zur Verständigung.

Wir können über das Wetter, die Brötchenpreise oder den nächsten Termin sprechen. Wir können diskutieren, uns streiten und anschließend auseinandergehen. Verständigung entsteht erst dann, wenn unsere Kommunikation uns gemeinsam weiterbringt – wenn wir uns auf etwas beziehen, etwas klären oder eine Vereinbarung treffen.

Dafür braucht es zunächst einen Realitätsabgleich: Reden wir überhaupt über dasselbe? Gerade im beruflichen Alltag wird das schnell übersehen. Eine Führungskraft delegiert eine Aufgabe und stellt später fest: Das Ergebnis entspricht nicht der eigenen Vorstellung. Dann liegt die Frage nahe: „Warum verstehen meine Mitarbeitenden mich nicht?“ Die bessere Frage wäre vielleicht: „Habe ich mich rückversichert, was bei ihnen angekommen ist?“

Im Flugzeugcockpit und im OP-Saal ist es selbstverständlich, dass wichtige Ansagen wiederholt werden. „Ich habe verstanden, dass …“ klingt im Alltag vielleicht ungewohnt. Aber genau dieses Rückfragen kann Missverständnisse verhindern, bevor sie teuer oder schmerzhaft werden.

Nicht nur die Sache zählt

Besonders gut gefallen hat mir das Bild des sogenannten Shangri-La-Modells. Es macht sichtbar, dass eine gelungene Verständigung aus mehr besteht als aus der sachlichen Ebene. Neben dem, was gesagt wird, gibt es immer auch die Beziehungsebene und die Gefühle, die dabei im Raum sind.

Wir können also sachlich völlig korrekt sagen: „Donnerstag um zehn passt der Termin.“ Und trotzdem kann das Gespräch schiefgehen, wenn sich jemand übergangen, nicht gesehen oder unter Druck gesetzt fühlt.

Das Buch widmet dieser emotionalen Seite viel Raum. Es geht nicht darum, die nächste Gesprächstechnik auswendig zu lernen. Der schöne Begriff dafür lautet: nicht nur Know-how, sondern Be-how. Also nicht allein zu wissen, wie Kommunikation theoretisch funktioniert, sondern zu einer Person zu werden, die auch unter Druck in Beziehung bleiben kann.

Das ist anspruchsvoller als eine Checkliste. Aber eben auch wirksamer.

Der Spiegel ist nicht immer schmeichelhaft

Das zentrale Kapitel des Buches trägt den Titel „Ich und meine Haltung“. Es ist das Kapitel, das bei mir am meisten nachgearbeitet hat – und vermutlich genau deshalb nicht ganz leicht zu lesen war.

Denn wer in den Spiegel schaut, entdeckt nicht nur die eigene geduldige, empathische und dialogfähige Seite. Manchmal schaut einem auch das eigene Ego entgegen. Das, das sofort weiß, wie es geht. Das, das den anderen gern schnell beruhigt, motiviert oder korrigiert. Oder das, das sich persönlich angegriffen fühlt und umgehend eine passende Gegenattacke parat hat.

Daniela Dujmic-Erbe beschreibt dafür das Bild von drei Ichs: dem Ich, das einfach da ist, dem Ego-Ich mit seinen Erfahrungen, Prägungen und Schattenseiten – und dem Beobachter-Ich. Dieses Beobachter-Ich ermöglicht es, sich selbst ehrlich wahrzunehmen.

Nicht im Sinne von: „Ich bin an allem schuld.“ Darum geht es ausdrücklich nicht. Bei sich anzufangen bedeutet nicht, die Verantwortung des anderen zu übernehmen. Es bedeutet, zunächst zu erkennen, was eine Situation in mir auslöst und wie meine eigene Haltung das Gespräch beeinflusst.

Das gelingt natürlich nicht immer im entscheidenden Moment. Wenn der Trigger erst einmal da ist, ist die Selbstreflexion oft schneller weg als ein guter Vorsatz im Montagmorgenstress. Aber im Nachhinein können wir hinschauen. Was ist passiert? Warum habe ich so reagiert? Was möchte ich beim nächsten Mal ausprobieren?

Vielleicht ist Entwicklung genau das: kein großer Durchbruch, sondern ein millimeterweises Lernen.

Einatmen, ausatmen, im Dialog bleiben

Ein sehr praktischer Impuls aus dem Buch lautet: Wenn wir uns persönlich angegriffen fühlen, sollten wir zunächst durchatmen. Nicht, weil damit jedes Problem gelöst wäre. Sondern weil dieser kurze Moment helfen kann, den Angriff zu entpersonalisieren.

Es geht nicht unbedingt um mich als Person. Vielleicht geht es um eine Situation, die gerade schiefläuft. Vielleicht um Überforderung, Angst oder alte Konflikte, die sich in einem Satz ihren Weg bahnen.

Auch Führungskräfte können davon profitieren. Wenn Mitarbeitende sagen: „Mir wird alles zu viel“, hilft weder ein schnelles „Das wird schon“ noch ein Motivationsspruch auf Kommando. Der erste Schritt könnte sein, die eigene Reaktion wahrzunehmen: Will ich das Problem kleinreden? Will ich sofort retten? Oder bin ich selbst gerade überfordert?

Erst wenn ich mich selbst sortiere, kann ich wirklich verstehen, was den anderen bewegt.

Augenhöhe heißt nicht Friede, Freude, Eierkuchen

Ein weiterer wichtiger Gedanke des Buches ist die Bedeutung von Augenhöhe. Daniela Dujmic-Erbe versteht darunter nicht, dass alle immer einer Meinung sein müssen. Augenhöhe bedeutet vielmehr, sich ernsthaft zu bemühen, unterschiedliche Interessen so in Übereinstimmung zu bringen, dass beide Seiten zufrieden sein können.

Das ist etwas anderes als ein schneller Kompromiss. Dafür muss ich zunächst wissen, was ich selbst eigentlich will. Dann muss ich zuhören, verstehen und anerkennen, dass die andere Meinung gleichwertig ist – auch wenn sie meiner eigenen völlig widerspricht.

Das klingt einfach. Ist es aber nicht. Besonders dann nicht, wenn gesellschaftliche Debatten von Talkshow-Konfrontationen geprägt sind und wir uns daran gewöhnt haben, Menschen mit einer anderen Position möglichst schnell einzuordnen. Dialog verlangt mehr: Zeit, Anerkennung und die Bereitschaft, die eigene Sichtweise nicht für die einzig mögliche Wirklichkeit zu halten.

Mein Fazit: Verständigung ist eine Entwicklung

„Schau in den Spiegel“ ist kein Buch, das man einmal liest und anschließend souverän durch jedes schwierige Gespräch segelt. Es ist eher eine Einladung, sich selbst beim Kommunizieren genauer zuzusehen.

Das Buch verbindet theoretische Grundlagen, praktische Übungen, Reflexionsfragen und viele anschauliche Beispiele. Mal geht es um ein Staatsanwaltsteam, mal um eine offene oder geschlossene Gartentür, mal um ganz persönliche Krisen. Gerade diese unterschiedlichen Geschichten machen die Gedanken greifbar.

Mein Lieblingsbild stammt aus dem letzten Kapitel: Dialog ist ein Raum der Erkenntnis. Ich wünsche mir mehr solcher Dialogräume – und weniger Talkshows, in denen vor allem darum gerungen wird, wer am lautesten recht hat.

Oder, um mit Rumi zu schließen: „Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“

Vielleicht ist das der Weg: in den Spiegel schauen, den eigenen Anteil erkennen, wieder aufstehen, wenn es nicht gelingt – und es im nächsten Gespräch ein kleines Stück besser versuchen.

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