Wie wird aus einem Training mehr als ein gut gelaunter Wissensmarathon? Angela und ihre L&D Strategin Conny Hattula sprechen über Sharon L. Bowmans Buch Training from the Back of the Room – und über die Haltung dahinter: Trainerinnen und Trainer müssen nicht im Mittelpunkt stehen, damit Lernen gelingt. Es geht um die vier Cs, sechs Lerntrümpfe, aktivierende Methoden und die Frage, wie aus Zuhören echtes Anwenden wird. Mit dabei: die „Rechnung des Grauens“, einbeiniges Feedback und jede Menge Ideen für gehirnfreundliche Trainings.
Shownotes
Training from the BACK of the Room! – 65 Ways to step aside and let them learn
Sharon L. Bowman, 391 Seiten, Pfeiffer Verlag, Buch von 2008
Deutsche Ausgabe erschienen 2021, d.punktverlag, 269 Seiten
Training from the Back of the Room!: 65 Wege in Trainings Raum fürs Lernen zu schaffen
Weniger erklären, mehr lernen lassen: Was Trainings wirklich in Bewegung bringt
Es gibt Trainings, nach denen alle begeistert nach Hause gehen. „Das war toll!“ „So inspirierend!“ „Das müssen wir unbedingt wieder machen!“ Und am nächsten Tag ist im Alltag erstaunlich viel so wie vorher.
Das liegt nicht unbedingt daran, dass der Trainer oder die Trainerin schlecht war. Im Gegenteil: Vielleicht war der Vortrag sogar richtig gut. Vielleicht waren die Folien schick, die Beispiele passend und die Stimmung bestens. Aber Zuhören allein ist eben noch kein Lernen – und schon gar keine Veränderung.
Genau darüber sprechen Conny Hattula und ich in der neuen Podcastfolge. Wir haben uns das Buch Training from the Back of the Room von Sharon L. Bowman vorgenommen. Der Titel bringt die Grundhaltung wunderbar auf den Punkt: Als Trainerin muss ich nicht permanent vorne stehen und alles erklären. Ich darf ein Stück zurücktreten und dafür sorgen, dass die Menschen im Raum selbst aktiv werden.
Vier Cs, die ein Training tragen
Conny, die mit allen Lernwassern gewaschen ist, erklärt die vier Cs, mit denen sich ein komplettes Training strukturieren lässt:
Connections bedeutet, Verbindungen herzustellen. Was wissen die Teilnehmenden schon? Welche Erfahrungen bringen sie mit? Wo begegnet ihnen das Thema in ihrem Alltag? Wer bei einem Feedbacktraining einfach mit einer Definition startet, verschenkt wertvolle Anknüpfungspunkte. Spannender ist es, zunächst gute und schlechte Feedbackerfahrungen zu sammeln.
Dann kommen die Concepts: Die neuen Inhalte werden verständlich gemacht und eingeordnet. Das ist der Teil, in dem es durchaus Input gibt. Nur eben nicht als achtstündige Wissensdusche, nach der alle hoffen, dass irgendwie etwas hängen geblieben ist.
Bei der Concrete Practice wird ausprobiert. Wer Feedback geben lernen soll, muss irgendwann Feedback geben. Wer neue Prozesse gestalten soll, muss an konkreten Situationen arbeiten. Lernen darf ruhig ein bisschen nach Tun aussehen.
Und schließlich braucht es die Conclusion: Was nehme ich mit? Was werde ich anders machen? Wie sieht der Transfer in meinen Alltag aus? Genau an dieser Stelle zeigt sich, ob ein Training nur interessant war oder tatsächlich etwas in Bewegung bringt.
BACK als persönliche Merkhilfe
Natürlich konnte mein Akronym-Hirn den großgeschriebenen Titel nicht einfach so stehen lassen. Also habe ich aus den vier Phasen meine eigene BACK-Merkschleife gebaut: Build Connections, Activate Concepts, Concrete Practice, Keep and Transfer.
Ob man sich nun die vier Cs oder BACK merkt, ist vermutlich Geschmackssache. Entscheidend ist die Haltung dahinter: Nicht die Trainerin soll möglichst glänzen, sondern die Lernenden sollen möglichst viel selbst denken, sprechen, ausprobieren und mitnehmen.
Dabei ist Conny zu Recht nicht ganz einverstanden mit der Vorstellung, inspirierende Impulse seien überflüssig. Ein guter Gedanke, ein Blick über den Tellerrand oder die Begeisterung einer Expertin können sehr wohl etwas auslösen. Manches muss erst sacken, bevor es später als Gedankenpuzzlestück wieder auftaucht. Die Frage ist also nicht: Vortrag oder Aktivierung? Sondern: Was braucht dieses Training – und in welcher Dosis?
Sechs Lerntrümpfe für mehr Beteiligung
Besonders praktisch sind die sechs Lernprinzipien, die sich durch das Buch ziehen: Bewegung schlägt Sitzen. Sprechen und Erklären hilft mehr als reines Zuhören. Bilder und Metaphern bleiben oft besser hängen als lange Textwüsten. Schreiben unterstützt das Lernen stärker, als nur Unterlagen zu lesen. Kürzere Inputphasen sind besser als ein endloser Monolog. Und Abwechslung hält Gehirn und Aufmerksamkeit wach.
Vieles davon klingt zunächst selbstverständlich. In der Praxis vergessen wir es trotzdem erstaunlich zuverlässig – gerade dann, wenn wir für ein Thema brennen und am liebsten unser gesamtes Wissen in einem einzigen Termin ausschütten würden.
Eine schöne Faustregel aus der Folge lautet deshalb: ungefähr zehn Minuten Input, dann muss wieder etwas passieren. Eine Frage. Ein Austausch. Eine kleine Übung. Eine Entscheidung. Eine Notiz. Hauptsache, die Teilnehmenden sind nicht nur akustisch anwesend.
Trockene Themen dürfen lachen
Wie das konkret aussehen kann, zeigen wir am Beispiel der E-Rechnung. Statt mit Paragraphen und Jahreszahlen zu starten, beginnt ein Webinar mit der „Rechnung des Grauens“: einer völlig absurden Rechnung mit Positionen wie „Beratung zur Vermeidung unnötiger Beratung“ oder „PDF liebevoll ausgedruckt und wieder eingescannt“.
Das ist nicht nur lustig. Es holt die Menschen ins Thema. Sie erkennen etwas wieder, schmunzeln, überlegen und wollen wissen, worauf diese Rechnung hinausläuft. Genau da beginnt Lernen.
Auch Methoden wie „Think and Write“, „Think-Pair-Share“ oder die „Three-before-me-Regel“ helfen dabei, aus Zuhörenden Beteiligte zu machen. Und wer das nächste Meeting wirklich einmal radikal verkürzen möchte, könnte es mit einem „One-legged Teach-back“ versuchen: Gesprochen wird, solange man auf einem Bein stehen kann. Ich übernehme dafür allerdings keine Haftung für Muskelkater oder spontane Seminarabsagen.
Was bleibt?
Ein gutes Training muss nicht spektakulär sein. Aber es sollte den Menschen etwas zutrauen. Sie wissen lassen, warum sie da sind. Ihr Vorwissen nutzen. Sie ins Tun bringen. Und ihnen am Ende helfen, einen nächsten Schritt zu formulieren.
Oder, ganz im Sinne von Sharon Bowman: weniger erklären, mehr lernen lassen.
Und vielleicht ist das auch eine gute Frage für das nächste eigene Training: Was kann ich weglassen, damit die anderen mehr selbst entdecken können?